Ohne Grenzen
Tallinn 21. – 25. September 2005

Für Tallinn hatten wir uns vorgenommen mit einer Art Eröffnungscocktail das neu zu eröffnende Kunstmuseum, KUMU zu erproben. Kunstmuseen sind ja seltsame Gebilde. Ihre traditionelle Rolle als Archiv von Kunstwerken, das dem Platz gab, was die Kunstgeschichte repräsentieren sollte, als Träger von Geschichte, als Bildungsanstalt, als Kultort einer bürgerlichen Öffentlichkeit, als Ort ästhetischer Erfahrung, als Maschine, die Kunst überhaupt erst macht, steht heute und wieder einmal auf dem Prüfstand – Zweifel an der Aufgabe des Museums, Debatten um sein Aussehen begleiten die Neu- und Erweiterungsbauten. Es scheint, als ob die Institution Museum heute einem neuen Gesicht, einer neuen Funktion nachgeht, sich dabei aber doch noch und einstweilen an die Fersen des alten Museums heftet. Zwischen der spielerischen Inszenierung der atomisierten Kunstszene, zwischen Event und Theatralisierung nistet ja immer noch die museale Fiktion, die Kunst als homogenes System, als Ordnung der Kunstgeschichte vorstellen zu können. Da diese Idee sehr ungewiss gworden ist , bleibt die Flucht nach vorn, das Terrain weitet sich immer weiter aus – statt Ziel einer Reise zur Kunst zu sein, mutieren Museen heute eher zu Stationen für die ausreisende Phantasie….Was heißt es, heute Kunst auszustellen und Sinn zu erschaffen, wer ist drinnen, wer ist draußen? Die Befragung der Institution Museum verbindet sich mit der Befragung von Öffentlichkeit als Forum und Träger von Konsens in einer Zeit, in der Gemeinsamkeiten immer brüchiger und flüchtiger werden. In einigen Vorträgen und in vielen Gesprächen wurden in Tallinn diese Themen diskutiert, obwohl unser Prolog zum neuen Museum in letzter Minute sich zu einem Epilog zum bisher vom Museum genutzten Ausstellungraum Rotermannis wandeln mußte. Und dort entstand wie nebenbei als Improvisation und Etude auch eine Art Ausstellung, die wieder einmal ganz heterogene Dinge unter den Hut des Ausstellungsgebäudes brachte: eine in der unverborgenen Widersprüchlichkeit der Werke und Gesten (ironische) Wiederholung dessen, was jedes Museum, jede Ausstellung eigentlich tut, wenn Werke, deren Sinnentwürfe einander auschließen im ästhetischen Bewußtsein des Betrachters versöhnt erscheinen.

 

 

Teilnehmer
IKG-Mitglieder: Renate Anger, Dorothée Bauerle-Willert, Hartmut Böhm, Monika Brandmeier, Heinrich Brummack, Dietrich Helms, Sibylle Hofter, Hetty Huisman, Tatjana Ilic, Katharina Karrenberg, Silke Leverkühne, Rune Mields, Una Moehrke, Willi Otremba, Marica Presic, Norbert Radermacher, Eva-Maria Schön, Anna Tretter, Selman Trtovac, Elisabeth Wagner, Michael Willhardt.

Gäste
Monika Bartholomé, Sabine Baumann, Hannes Böhringer, Ulrike Ettinger, Kadi Estland, Cristina Fessler, Barbara Hammann, Sirje Helme, Ega Hiroshi, Harald Hofmann, Kristina Järvelaid, Naomi Kanaoka, Külli Kask, Joannes Késenne, Katrin Koskava, Andres Kurg, Raoul Kurvitz, Mari Laanemets, Marko Laimre, Zinaida Medevedeva, Alexander Nikolic, Cédric Noel, Jüri Ojaver, Johannes Saar, Ene-Liis Semper, Roswitha Siewert, Jaan Toomik, Eric van Hove, Jasper Zoova